Aufruf zum Dialog mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann zum Genome-Editing in der Landwirtschaft

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Baden-Württemberg argumentieren in einem offenen Brief an den Ministerpräsidenten des Landes, Winfried Kretschmann, gegen die Kürzung einer Forschungsförderung im Bereich Grüner Gentechnik. Hintergrund ist eine politische Diskussion zum gezielten Einsatz gentechnisch veränderten Saatguts in der Landwirtschaft.

Ein Vergleich mit etablierten Methoden der Landwirtschaft und eine Beteiligung von unterschiedlichen gesellschaftlichen Vertreterinnen und Vertretern kann eine Grundlage sein, Chancen und Risiken des Genome-Editings ergebnisoffen und nach wissenschaftlichen Kriterien zu bewerten.

In einer Kabinettssitzung der Landesregierung Baden-Württembergs wurde am 21. Juli ein von Forschungsministerin Theresia Bauer eingerichtetes Förderprogramm zur nachhaltigen Landwirtschaft mit Biotechnologie eingestellt und vorgesehene Freilandversuche gestoppt. Zu groß seien die Bedenken der Landesregierung über Risiken und Folgen. Als Antwort darauf haben Wissenschaftler von acht baden-württembergischen Universitäten sowie des Max-Planck-Instituts für Entwicklungsbiologie in Tübingen am 29. Juli einen Offenen Brief an den Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann geschrieben. 

Detlef Weigel, Geschäftsführender Direktor am MPI für Entwicklungsbiologie, betrachtet die überraschende Entscheidung der Landesregierung kritisch: „Die Einrichtung des Forschungsprogramms erschien uns als logische Konsequenz eines Dialogs mit allen Akteuren, den Frau Ministerin Bauer schon seit längerem führt. Durch den Vergleich mit etablierten Methoden der Landwirtschaft und einer Beteiligung von unterschiedlichen gesellschaftlichen Vertreterinnen und Vertretern kann ein solches Vorhaben die Grundlage dafür legen, Chancen und Risiken des Genome-Editings ergebnisoffen und nach wissenschaftlichen Kriterien zu bewerten.“

Für Weigel und seine forschenden Kolleginnen und Kollegen ist ein zentraler Motivator der Klimawandel: „Wenn wir dem Klimawandel begegnen wollen, müssen wir alle Mittel, die uns zur Verfügung stehen, einsetzen. Genscheren, wie CRISPR/Cas, erlauben es uns, dieselben Veränderungen, die die Natur am Erbgut von Pflanzen spontan vornimmt, in wesentlich kürzerer Zeit zu erreichen. Mit dieser Methode können wir Pflanzen resistenter gegen Hitze und Trockenheit machen, und solche Pflanzen unterscheiden sich nicht von ihren natürlich mutierten Arten. Sie enthalten auch keine fremden Gene und sind nicht von solchen aus konventioneller Züchtung zu unterscheiden. Die große Frage ist jedoch, ob trockenresistente Sorten auch im Ertrag wettbewerbsfähig sind. Dies kann nur durch Feldversuche entschieden werden.“

Die gesellschaftliche Diskussion um die Grüne Gentechnik wird schon seit Jahren kontrovers geführt. Von Kritikern wird sie als industrienah und nicht den ökologischen Prinzipien der Landwirtschaft folgend dargestellt. „Eine solche Darstellung berücksichtigt aber nicht aktuelle Entwicklungen. Zum Beispiel haben Kollegen mit Genome-Editing Resistenzen gegen den weit verbreiteten Erreger des Reisbrands in verschiedenen Reissorten eingeführt, um in Kombination mit digitalen Technologien ein nachhaltiges, an ökologischen Prinzipien orientiertes Resistenzmanagement zu entwickeln“, so Weigel weiter.

Aufgrund dieser und vieler weiterer Beispiele sei eine überwältigende Mehrheit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Deutschland, Europa und Übersee überzeugt, dass Genome-Editing einen wichtigen Beitrag zu einer nachhaltigen Landwirtschaft und zur Ernährungssicherung leisten könne. Gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen von den Universitäten Baden-Württembergs hofft Detlef Weigel, den Dialog mit der Landesregierung weiterführen zu können, um mit wissenschaftlichem Sachverstand zur Debatte beizutragen.

Themendossier Genome-Editing

Natürliche Aufgaben von CRISPR-Cas
Wir Menschen kennen Bakterien oft als Krankheitserreger. Aber auch Bakterien können krank werden. Es gibt nämlich Viren, die sich auf die winzigen Mikroben spezialisiert haben. Diese sogenannten Phagen erinnern ein wenig an Raumsonden, die auf einem fernen Planeten andocken. Sie injizieren dabei ihr Erbgut in die Bakterienzelle, damit diese es vervielfältigen und so neue Phagen produziert. Für die Zelle ist dies meist tödlich. Bakterien haben daher wie andere Lebewesen auch ausgeklügelte Abwehrmaßnahmen gegen solche Ausbeuter entwickelt. Beispiele dafür sind die CRISPR-Cas-Systeme. Weiter geht es hier.

Arbeitsweise von CRISPR-Cas9
Mit Hilfe der CRISPR/Cas9-Systeme können die Genome der unterschiedlichsten Organismen bearbeitet werden. Doch wie funktioniert die neue Gentechnik mit dem unaussprechlichen Namen? Weiter geht es hier.

Genom Editierung – noch exakter, noch treffsicherer
Weltweit arbeiten Wissenschaftler mit Hochdruck daran, die Wirkweise von CRISPR-Cas9 noch besser zu verstehen und die Genschere für den Einsatz in Forschung und Medizin weiterzuentwickeln. Sie suchen aber auch weiter nach anderen molekularen Werkzeugen, die vielleicht noch effektiver arbeiten als CRISPR-Cas9. Weiter geht es hier.

Wissenschaftlicher Kontakt

Prof. Dr. Detlef Weigel
Geschäftsführender Direktor
Telefon: 07071/ 601-1410
e-Mail: detlef.weigel(at)tuebingen.mpg.de